Freiheit und Vertrauen

Ein Reisebericht von Alexandra Becker

Es ist hell, überall sind Mücken und ich habe keine Ahnung wie viel Uhr es ist.

Wenn ich mein Reistagebuch durchstöber, bekomme ich direkt wieder Lust loszulaufen. Auch die Bilder, die wir auf unserer 9tägigen Tour durch Nord-Nord-Nord-Norwegen geschossen haben, schaue ich mir oft und gerne an. Das muss ich auch, denn es fühlt sich total unwirklich an. Als Jan und ich von Hamburg wieder nach Hause gefahren sind dachte ich noch „Das waren doch nie 9 Tage Natur, das haben wir geträumt.“ Die Zeit ging viel zu schnell rum, was bestimmt an der unglaublich schönen Landschaft, dem tollen Team und den unzähligen Eindrücken liegt. Wir haben uns nicht mit den alltäglichen Fragen nach dem Fernsehprogramm oder der Einkaufsliste beschäftigt. Unsere Fragen und Probleme waren anderer Natur. Wo setzte ich den nächsten Schritt hin, damit ich sicher über den Fluss/das Geröllfeld/dasMoor/... komme? Wie verstaue ich meine Schuhe, damit diese nicht nass werden? Hänge ich die Socken unten links oder eher oben an den Ofen?

Eins meiner intensivsten Erlebnisse auf der Tour war Quellwasser zu trinken. In Norwegen gibt es ja wirklich überall Wasser und wenn man darauf achtet bewegtes Wasser in seine Flasche zu füllen schmeckt und bekommt es einem immer. Aber das Quellwasser war einzigartig. Wir liefen durch eine Graslandschaft und von überall lief Wasser den Berg hinab. Dann kamen wir an einem großen Stein vorbei, wo Wasser drunter hervorlief. Weiter oben war kein Wasserlauf mehr zu sehen. Das musste eine Quelle sein. Da habe ich mir meine Tasse geschnappt und bin so nah wie möglich an den Stein ran. Kalt und klar! Im Nachhinein bin ich erstaunt wie sehr mich das Trinken von einer Tasse Wasser beeindruckt hat.

Sich auf die Natur einzulassen und mit allen Sinnen zu erleben hat mir am meisten Freude bereitet. Kleine Blumen, die selbst in kargen Felslandschaften Lebensraum finden haben mich genauso begeistert wie Wolkenformationen, Doppelregenbögen, das stetige rauschen von Flüssen, das Prasseln vom Regen auf der Zeltplane, das Surren der Mücken, die Kälte vom Wasser an den Füßen bei Flussüberquerungen und Lichtspiele auf Felsen und Pflanzen.

Ein weiteres Highlight und der Moment an den ich am meisten zurückdenke ist die Flussdurchquerung, kurz vor unserer zweiten Zeltnacht. Zum Glück war Tony an meiner Seite. Es war erst Tag 3, mein Rucksack war immer noch sehr schwer und ich hatte mein Gleichgewicht noch nicht wirklich gefunden, um leichtfüßig von Stein zu Stein zu springen. Vom Ufer sah der Fluss gar nicht so breit aus. Je weiter ich jedoch im Fluss stand, desto breiter fühlte er sich an. Ich habe bei der Durchquerung meinen Stock verloren, Tonys Hand ziemlich gequetscht und vollgeschwitzt. Denn wir hatten eine Zeltnacht vor uns, was bedeutet, dass mein Rucksack nicht ins Wasser fallen darf, damit der Schlafsack und meine Kleidung nicht nass wird. Die Schuhe um den Hals sollten auch nicht unbedingt im Wasser landen. Bei der ganzen Tour hatten ich auch immer im Hinterkopf, dass es keine nächste Straße gibt, wo wir kurz ein Auto anhalten können um schnell zu einem Arzt oder in die nächste Stadt zu fahren. Wenn ich mich verletzte ist es ein beschwerlicher Weg nach Hause. Umso glücklicher war ich, als wir die andere Uferseite erreichten. Stolz und glücklich!

Für die Unterstützung und das Gefühl von Stolz und alles bewältigen zu können danke ich Tony sehr.

In den nächsten Tagen hat mich dieses Gefühl weiter begleitet und die Geröllfelder, Abstiege oder Regenschauer waren nur noch schön. Dieses unendlich weite Land hat so viele unterschiedliche Gesichter. Und es ist so anders als Zuhause. Wunderschön anders. Ein anderer Alltag. Ein anderes Leben. Ein Leben, an das ich mich ziemlich schnell gewöhnt habe. Als wir zurück in der „Zivilisation“ auf der Huskyfarm waren, hat mich der Wasserkocher überfordert. Ich war auf den Hüttenablauf eingestellt: Wasser holen, Feuer machen, Wasser in den Kessel und am besten auf dem Ofen warm machen. Mit fließendem Wasser aus der Leitung und einem strombetriebenen Kocher konnte ich nichts anfangen.

Ich denke gern an dieses Gefühl zurück. Freiheit, Vertrauen, Naturnähe, Zeitlosigkeit – für mich unglaublich wichtige Aspekte, die mein Leben beeinflussen. In Norwegen Alltag, in Deutschland oftmals schwer zu finden.

Für mich war es ein unglaublich toller Urlaub, eine wunderbare Erfahrung und eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Tony und die anderen im Team haben es zu einem einzigartigen Erlebnis werden lassen. Für mich heißt es also weiter Bilder gucken und Reisetagebuch lesen ☺

Meine drei Lieblingsbilder