Der "Nyksund-Charme"

Ein Reisebericht von Cecilie Eckert

Der „Nyksund-Charme“ kann eigentlich nicht mit Worten beschrieben werden, man muss ihn erleben bzw. leben.

Wenn man nach Nyksund fährt, kommt man an einen ganz speziellen Ort.
Kennengelernt habe ich das kleine Dorf als ich sechs Jahre alt war. Damals war es wie ein Geisterdorf: drei Einwohner, verfallene Häuser, Meer und Möwen.

Heute leben hier circa 28 Einwohner im Winter. Im Sommer ändert sich das Bild und es wird trubeliger. Der kleine ehemalige Fischerort zieht Touristen an. Im Winter  kann man hier allerdings die Ruhe genießen. Ich kannte Nyksund bisher nur im Sommer, war ich doch oft mit meinen Eltern im Sommerurlaub hier. Umso spannender war es für mich, als ich die Möglichkeit bekam, das kleine Fischerdorf im Winter zu erleben und zwar nicht nur im Urlaub, sondern um hier einige Wochen zu arbeiten.

Was mir in den ersten Tagen sofort auffällt ist der „Nyksund-Charme“: Kleine bunte Holzhäuser auf einer Insel am offenen Meer, auf Stelzen gebaut mit einem kleinen Hafen, von Wind und Wetter unmittelbar beeinflusst. Das Dorf liegt auf einer Insel und ist nur über eine Schotterstraße zu erreichen und besitzt  nur eine einzige „Hauptstraße“. Früher war hier ein florierendes Fischerdorf, heute ist hier ein kleines Künstlerdorf, welches langsam wieder aufgebaut wird, mit einem ganz eigenen Charakter: gemütlich, bunt, mystisch. Einige Häuser sind noch so verfallen, wie vor zwanzig Jahren und wenn der Wind weht, bewegen sich die alten Türen und Fensterläden. Andere Häuser sind hell erleuchtet und bewohnt, mit schönsten Terrassen bebaut. Die alten Holzhäuser am Hafen sind auf Stelzen gebaut. In dem kleinen Hafen liegen drei bis fünf Fischerboote und schunkeln mit den Wellen. Nachts hört man meist nur das Plätschern der Wellen und eine vereinzelte Möwe, ansonsten ist es still und der Ort wirkt mystisch mit seinen Bergen und dem Blick auf das dunkle Meer. Der „Nyksund-Charme“ kann eigentlich nicht mit Worten beschrieben werden, man muss ihn erleben bzw. leben.

Hier werde ich als Tourguide arbeiten und im Restaurant Holmvik Stua und den Gästehäusern "Holmvikbrygge" und "Nyksund Spa and Hiking Club" helfen. All dies gehört meinem Chef Ssemjon Gerlitz, der 1997 nach Nyksund kam und  den Ort mit neu aufzubauen begann. So lerne ich viel über den Ort und seine Geschichte, seine ehemaligen und seine neuen Bewohner, über das Leben in Nyksund, über den Alltag als Fischer in Nordnorwegen und das generelle Leben hier .

Als Tourguide werde ich die Möglichkeit bekommen, Gäste eines Kreuzfahrtschiffes zu begleiten. So bin ich u.a. Guide bei der Walsafari und Übersetzer auf einer Rentierfarm.

Die Walsafari führt mich nach Andenes an den nördlichsten Punkt der Insel Andoya. Hier geht es mit den sogenannten Rib Booten lange raus auf das offene Meer, um die Wale zu suchen und auch zu finden.

An den Wochenenden helfe ich im Restaurant Holmvik Stua. Wir bieten den Gästen Waffeln und Kaffee sowie Kakao an. Wir beginnen Fisch zu räuchern, die Küche zu entrümpeln und alles für die Sommersaison vorzubereiten. An einigen Tagen kümmere ich mich um das Sortieren der Souvenirs die im Landhandel stehen, einem kleinen Souvenirladen, den wir für den Sommer umgestalten. Unter der Woche beschäftigen wir uns viel um den Auf- und Ausbau des neuen Spa und Hiking Clubs. Mit bester Aussicht wird gehämmert, gesägt und Holz von A nach B getragen.

Die direkte Lage am Nordmeer beschert uns allerdings nicht nur einfache Tage. Ende März kommen die Winterstürme. Das Meer wird aufgewühlt, die Wellen klatschen gegen die Steine. In meinem kleinen Zimmer in der Holmvik Brygge erlebe ich nachts die Kraft des Windes. Er zerrt an den Holzbalken und schüttelt am Haus. In der ersten Nacht ist mir schon etwas mulmig. Aber ich denke mir, dass die Häuser schon lange Zeit stehen und die Fischer früher wesentlich schlimmere Stürme erlebt haben.

Trotz der Wetterlage gehen wir früh raus und beobachten das Geschehen. Wir gehen auf den Hausberg von Nyksund und lassen uns fast weg pusten. Einen Tag war es mir nicht möglich, auf den kleinen Berg zu gehen. Der Wind hatte eine solche Kraft, gegen die ich nicht ankommen konnte. Aber es ist ein einmaliges Erlebnis.

Aufwärmen können wir uns mit heißem Kakao und warmen Waffeln.

Unsere freien Tage nutzen wir zum Wandern und für Tagesausflüge in die Umgebung. An einem Tag genossen wir einen Teil der Dronningruta. Alle paar Jahre kommt die norwegische Königin nach Nyksund und wandert den circa acht Stunden langen Rundwanderweg. Weit kommen wir nicht, da der Wind auf dem Plateau an uns zerrt und wir alle paar Meter im Schnee versinken. Aber wir kämpfen uns so weit durch, bis wir die beste Aussicht genießen können.

Die Nordlichter bei Nyksund sind bisher die für mich interessantesten. An vielen Tagen weiß ich nicht, wo ich hingucken soll. Durch die Lage am Meer fällt es schwer sich zu entscheiden, wohin ich blicken soll: zu den Bergen, zum Dorf oder doch auf das offene Meer? Ein Paradies zum Nordlicht Fotografieren. Fast jeden Abend tanzen sie über den Dächern von Nyksund. Sie kommen über den Bergen hervor und sind mal ruhig und mal munter. Einen Abend sind sie so stark, dass ich nicht mehr fotografieren kann. Ich stehe auf der kleinen „Hauptstraße“ des Dorfes und kann nur noch nach oben gucken. Wie weiße Wolken rast es auf uns zu. Wir stehen da mit unseren Stativen und Kameras in der Hand und können nur noch staunen.

Die nächste Nacht wird auch schön, nur bei Weitem nicht nochmal so stark wie dieses eine mal. Oft stehe ich im Schnee stundenlang in der Kälte mit meinem Stativ und meiner Kamera, staune und mache nebenbei Bilder.

Das was ich hier erlebe, kann nur im geringen Maße festgehalten werden. Natürlich gebe ich mein bestes. Es ist unfassbar schön.

Viele Nächte stehe ich draußen- mal im Ort mal in der Umgebung. In einigen Nächten ist man nicht allein und man sieht öfter eine Lampe aufblinken. Besucher des Ortes stehen auch draußen und versuchen sich an der Nordlichtfotografie.

Zu den  28 Einwohnern gesellen sich zusätzlich einige Seeadler, viele kleinere kreisen über dem Dorf. Doch eines Tages, auf dem Weg in die Stadt zum Einkauf, saß am Straßenrand ein großer Seeadler. Ganz still hockte er auf seinem Stein und ließ sich vorerst durch unser Auto nicht beirren. Als ich aussteige, beginnt er sich langsam zu ducken und breitet seine Flügel aus, um mit kräftigen Zügen vor uns weg zu fliegen.

Jeden Tag zieht es mich hier raus. Bei Sonnenschein, Schnee, Schneetreiben, Sturm und nachts unter den Nordlichtern. Selbst wenn ich einen Punkt bereits jeden Tag besucht habe, zieht es mich immer wieder dorthin, denn jeder Tag bringt ein neues Licht und neue Perspektiven.

Nach 8 Wochen habe ich das kleine Dorf sehr in mein Herz geschlossen. Ich habe den Ort bei strahlendem Sonnenschein und -15°C, bei Schneetreiben und folgendem Sonnenschein (einfach wunderbar diese Landschaft, weiß bedeckt in der Sonne, mit dem glitzernden Meer), bei Sturm mit und ohne Schnee und bei frühlingshaften Temperaturen kennengelernt. Ich wurde nicht müde vom Anblick des Meeres und den Bergen, den weißen Fischerbooten am Horizont, den Adlern und Nyksundmöwen.

Nyksund werde ich definitiv bald wieder besuchen.